Um 04:00 Uhr morgens läutet mich der Wecker aus dem Bett, um 05:00 Uhr verlasse ich das Haus und zwei Stunden später sitze ich im Flugzeug Richtung Brüssel. Es ist das dritte Mal, daß ich einen Europaabgeordneten einen Tag lang bei seiner parlamentarischen Tätigkeit begleiten darf. Die Spannung, was mich im Zentrum der Europäischen Politik erwarten wird, ist also nicht mehr in jenem Ausmaß gegeben, wie noch bei meiner ersten Brüssel-Reise. Eigentlich ziemlich mühsam, denke ich mir, wenn man - wie die meisten der 785 Europaabgeordneten - einmal pro Woche nach Brüssel anreist und nur die Wochenenden zu Hause verbringen kann.

Dabei ist meine Anreisezeit aufgrund der Wien-Nähe meines Wohnortes nicht besonders strapaziös. Wolfgang Bulfon hingegen, der wöchentlich zwischen Brüssel und Velden pendelt, verbringt einen ganzen Tag pro Woche mit der An- und Abreise - zu Plenarsitzungen nach Straßburg noch länger. Von einem Wochenende bleibt ihm tatsächlich also nur ein Tag, den er mit seiner Familie verbringen kann.
Was bewegt einen unter diesen Voraussetzungen und Mühen, überhaupt für das Europäische Parlament zu kandidieren? Der Verdienst - er ist ident mit jenem eines Nationalratsabgeordneten - ist zugegebenermaßen alles andere als schlecht, berücksichtigt man aber, daß einem praktisch keine Freizeit bleibt, relativiert sich das doch sehr schnell. Wenn man, wie er, darüber hinaus aus einem erfolgreichen Tourismusunternehmen stammt, ist die finanzielle Komponente wohl gänzlich zu vernachlässigen. Die "Macht" ist es, die negative Begleiterscheinungen eines Politikerlebens rasch vergessen macht, mag manch einer denken.
Macht? Über welche "Macht" verfügt ein Europaabgeordneter denn? Selbst der Bekanntheitsgrad eines Europaparlamentariers hält sich doch sehr in Grenzen - zumindest hierzulande. Oder kennen Sie alle 18 österreichischen Europaabgeordneten beim Namen? Wußten Sie, daß Wolfgang Bulfon das Mandat der nunmehrigen Justizministerin Dr. Maria Berger übernommen hat?

Im Flugzeug läßt man mir nur mehr die Wahl zwischen der "Financial Times" und der "Kronen Zeitung" - ich entscheide mich mangels profunder Englischkenntnisse für die "Krone" und stolpere passenderweise gleich auf eine Kolumne des fraktionslosen Europaabgeordneten Hans-Peter Martin, der neue Mißstände in der EU-Verwaltung zu entdecken glaubt und weil er nicht müde wird, all das und noch mehr anzuprangern, versucht man jetzt eben, ihn durch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mundtot machen, schreibt er. Irgendwie klingt das schon nach abstrusen Verschwörungstheorien, steigert aber jedenfalls Martins Bekanntheitsgrad...
Knapp zwei Stunden später kämpfe ich mich durch die Anmelde- und Sicherheitsprozedur am Haupteingang des Parlaments. In Wolfgang Bulfons Büro im 15. Stock, hoch über den Dächern Brüssels, trifft zeitgleich eine von Landesrat Ing. Reinhart Rohr angeführte und von der Journalistin Mag.  Gabi Russwurm-Biró begleitete Delegation der Kärntner Landesregierung ein. Ebenfalls mit der Kamera unterwegs, gesellt sich der Kärntner Societylöwe Egon Rutter (blitzlicht.at), hinzu. Somit sind wir komplett und nichts steht der Absolvierung eines dicht gedrängten Tagesprogramms mehr im Wege.
 
Der erste Termin des Tages führt Wolfgang Bulfon und  Landesrat Ing. Rohr zu einem gemeinsamen Gespräch mit Mag. Karin Scheele, der Fraktionsführerin der österreichischen Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Das Gespräch findet hinter verschlossenen Türen statt und so warte ich mit Egon Rutter einstweilen in einem der drei parlamentseigenen Kaffeehäuser auf das Gesprächsende und lasse mich von ihm in die regionalen Besonderheiten Kärntens einweihen. Der bestellte Kaffee kann nicht überzeugen und läßt ein Gefühl von Heimweh nach österreichischer Kaffeehauskultur entstehen...

Nach der Gesprächsrunde geht es rasch und ohne Zwischenstop zurück ins Büro. Wolfgang Bulfon lehrt mich, wie schwierig es ist, mit einem Europaabgeordneten Schritt zu halten - chronische Zeitnot scheint den Sportsgeist zu beflügeln (den man in einem 15stöckigen Gebäude dieser Größe wohl auch braucht).
Etwas außer Atem, bin ich ganz froh, eine Verschnaufpause einlegen zu können, während Herr Bulfon die dringendsten Telefonate erledigt. Seine Assistentin, Mag. Sandra Hafner, kümmert sich einstweilen um die eingelangten Termin-Anfragen und justiert den Terminkalender der nächsten Tage nach, während sich der Praktikant einer riesigen Kiste, vollbepackt mit Unterlagen, widmet.
Was an eine Schatztruhe aus einem Piratenfilm erinnert, ist eine Dokumentenkiste, die die wichtigsten Unterlagen zu den Plenarsitzungen nach Straßburg - und wieder zurück - transportiert. Durchaus eine logistische Herausforderung, wenn man bedenkt, daß 785 Abgeordnete zeitgleich mit jeweils einer dieser Kisten nach Straßburg "auspendeln", die pünktlich und vor allem unbeschadet ihr Ziel erreichen müssen. Fluglinien sind oft schon mit weit weniger Gepäcksstücken pro Flug überfordert...

Üblicherweise findet Wolfgang Bulfon keine Zeit für eine Mittagspause und begnügt sich in der Regel mit einem kleinen Imbiß zwischendurch oder verzichtet überhaupt auf eine Mahlzeit. Heute allerdings hat er für seine Gäste in einem Restaurant im Parlament einen Tisch reserviert. Selbst hier ist die politische Arbeit hauptsächliches Gesprächsthema - Landesrat Ing. Rohr steht Mag. Russwurm-Biró in einem Interview für die "Neue Kärntner Tageszeitung" Rede und Antwort, Wolfgang Bulfon erzählt von seinen Eindrücken, die er seit seinem Amtsantritt im Jänner 2007 gesammelt hat. Dabei läßt sich die Motivation für diesen Job erahnen:
Der Wille und die Begeisterung, an einem großen Europa mitzuwirken, verschiedene Betrachtungsweisen und Standpunkte der Mitgliedsstaaten kennenzulernen und dabei auch die Herausforderung anzunehmen, den oftmals schmalen Grat zwischen regionalen und gesamteuropäischen Interessen zu beschreiten. Anerkennung findet dieses Bemühen, wenn es gelingt, österreichische Interessen durchzusetzen und/oder andere Staaten für unsere Standpunkte zu begeistern. Bemerkenswerte Erfolge sind es überdies, wenn für die Konsumenten der Union wichtige und oft auch finanzielle Vorteile erreicht werden. Beides gelingt in seinen Fachbereichen, im Ausschuß für Regionale Entwicklung und im Ausschuß für Binnenmarkt und Verbraucherschutz immer wieder, findet in den heimischen Medien aber oft nicht den gewünschten Niederschlag, oder geht in der Berichterstattung völlig unter.
Am Nachmittag findet eine Fraktionssitzung der Europäischen Sozialdemoraten statt, an dessen Vorbesprechung der österreichischen Abgeordneten auch der Vorsitzende der PSE-Fraktion, Martin Schulz, teilnimmt. Beim Verlassen des Sitzungssaales verschwinden sämtliche Abgeordnete in einem unglaublichen Tempo in alle Richtungen, sei es zur nächsten Sitzung, in einen Ausschuß, zu einem Termin mit Bürgern oder Interessensvertretern oder nutzt - wie Wolfgang Bulfon und Herbert Bösch - die Gelegenheit für ein kurzes Vier-Augen-Gespräch. Keine Spur der andernorts oft zitierten "österreichischen Gemütlichkeit", hier herrscht tatsächlich permanente Betriebsamkeit.
Auf dem Weg zu einem abendlichen Kommissions-Termin, findet Wolfgang Bulfon noch kurz Zeit, uns in ein Brüsseler Kaffehaus einzuladen, danach muß ich mich verabschieden, um den letzten Flug nach Wien zu erreichen. Mein dritter Besuch im Europaparlament geht erneut mit dem Eindruck zu Ende, daß Fachkompetenz und Professionalität hier auf einem sehr hohen Niveau angesiedelt sind, das ich mir bei so manchen Debatten im heimischen Nationalrat in ähnlicher Ausprägung wünschen würde.